Die geplante Reform des Elterngeldes von Bundesfamilienministerin Karin Prien sorgt in den Handwerksbetrieben der Region für erhebliche Bedenken. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe. Insgesamt 151 Innungsbetriebe aus den Kreisen Paderborn und Lippe haben sich innerhalb von wenigen Tagen daran beteiligt, das Ergebnis ist deutlich: 75 Prozent der befragten Unternehmen bewerten den Reformentwurf als problematisch, 42 Prozent davon sogar als sehr problematisch. Für die Kreishandwerkerschaft ist damit klar: Die betrieblichen Auswirkungen auf Handwerk und Mittelstand müssen in der weiteren politischen Diskussion deutlich stärker berücksichtigt werden.

„Wir unterstützen selbstverständlich das Ziel, Familien eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zu ermöglichen. Politik muss aber gleichzeitig die Realität unserer Betriebe im Blick behalten“, betont Kreishandwerksmeister Mickel Biere. „Gerade im Handwerk können zusätzliche Ausfallzeiten einzelner Mitarbeiter nicht einfach aufgefangen werden – erst recht nicht dann, wenn diese nicht den Bedürfnissen der Familien folgen, sondern von der Politik aufgezwungen sind. Unsere Umfrage zeigt sehr deutlich, dass eine Umsetzung des Reformentwurfs für viele Betriebe eine weitere Belastung darstellen würde.“ Angesichts der derzeitigen Wirtschaftslage kein guter Weg, so Biere. Es brauche endlich Entlastung – neue Herausforderungen seien der völlig falsche Weg, um den Mittelstand in Schwung zu bringen.

Die Ergebnisse der Umfrage machen die Sorgen der Betriebe konkret.  66 Prozent der Betriebe wären nach ihren Angaben von einer längeren Elternzeit männlicher Beschäftigter sehr stark bzw. stark betroffen. Bei einer durchschnittlichen Mitarbeiterzahlen von sieben Personen ist für Handwerksbetriebe selbst der Ausfall eines einzelnen Mitarbeiters nur schwer zu kompensieren. Werden es gleich mehrere pro Jahr, können die Folgen erheblich sein: insbesondere zusätzliche Personalengpässe, höhere Belastung der übrigen Beschäftigten, Verzögerung bei der Auftragsabwicklung sowie Schwierigkeiten bei der Einsatz- und Urlaubsplanung sind erwartete Folgen für den betrieblichen Alltag. Auch wirtschaftliche Auswirkungen werden befürchtet: 60 Prozent der Betriebe rechnen laut der Umfrage mit Umsatzeinbußen. „Nicht zuletzt laufen in jedem Betrieb die Fixkosten unverändert weiter – auch wenn während der Elternzeit keine Lohnkosten für den Betrieb entstehen“, betont Hauptgeschäftsführer Michael H. Lutter. Nur knapp zwölf Prozent der befragten Handwerker erwarten keine nennenswerten Auswirkungen auf ihr Unternehmen, sollte das Vorhaben umgesetzt werden.

„Die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache“, betont Lutter. „Unsere Betriebe kämpfen bereits heute mit Fachkräfteengpässen bei gleichzeitig hoher Auslastung. Wenn zusätzliche Ausfallzeiten hinzukommen, trifft das kleine und mittlere Handwerksbetriebe unmittelbar – und die machen im Handwerk einen Großteil der Betriebe aus. Es geht darum, Personal angemessen besetzen, Termine einhalten und bestehende Aufträge erfüllen zu können.“

Die Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe sieht sich ausdrücklich als Sprachrohr ihrer Mitgliedsbetriebe. Die Umfrage soll deshalb nicht nur eine Bestandsaufnahme sein: „Wir haben die Ergebnisse an die zuständige Bundesfamilienministerin Karin Prien geschickt, um deutlich zu machen, welche Folgen eine Umsetzung der geplanten Reform für die Wirtschaftskraft vor Ort haben kann“, so Lutter. Es sei unerlässlich, die Auswirkungen politischer Reformvorhaben auf kleine und mittlere Unternehmen zu berücksichtigen und die praktische Umsetzbarkeit zu prüfen. „Das kommt oft zu kurz“, weiß auch Biere. „Was in einem großen Unternehmen möglicherweise aufgefangen werden kann, stellt einen kleinen Handwerksbetrieb vor ganz andere Herausforderungen. Genau diese Perspektive wollen wir in die Diskussion einbringen.“

Hier geht es zu den Ergebnissen der Umfrage.

 

Hintergrundinfo:
Nach den bisherigen Plänen von Bundesfamilienministerin Karin Prien soll das Elterngeld künftig stärker auf eine partnerschaftliche Aufteilung der Betreuung ausgerichtet werden. In dem aktuellen Referentenentwurf ist ein 3+3+6-Modell vorgesehen: Beide Elternteile sollen jeweils mindestens drei Monate Elternzeit in Anspruch nehmen, während weitere sechs Monate flexibel zwischen den Eltern aufgeteilt werden können. Nur dann, können sie den größtmöglichen Satz an Elterngeld erhalten. Damit würde der bisherige Gestaltungsspielraum bei der Verteilung der Elternzeitmonate deutlich eingeschränkt. Für Arbeitgeber, insbesondere kleine und mittlere Betriebe mit begrenzten personellen Reserven, könnte dies zu zusätzlichen und längeren Mitarbeiterausfällen führen.