„Das Handwerk freut sich über zunehmendes Interesse“, bilanziert Aloys Buschkühl, stv. Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe, die aktuelle Ausbildungssituation im Handwerk. Bundesweit ist es das vierte Jahr in Folge mit steigenden Ausbildungszahlen – und das entgegen dem Trend in der Gesamtwirtschaft. Insgesamt sind 4,9 Prozent mehr neue Ausbildungsverträge in die Lehrlingsrollen eingetragen worden als im Vorjahreszeitraum. Das ist der höchste Wert seit 2018. Im Kreis Lippe kann dieser Anstieg sogar getoppt werden: Gemeinsam mit den Betrieben freut sich die Kreishandwerkerschaft im August 2026 über neun Prozent mehr Azubis – und zwar 379 im Vergleich zu 349 im vergangenen Jahr.

Lippe freut sich über mehr Handwerksazubis

Geschäftsführerin Andrea Hegerbekermeier benennt die Gründe: „Es gibt keine KI, die Handwerksberufe ersetzen kann – wohl aber spannende Entwicklungen zu KI im Handwerk. Gleichzeitig bietet das Handwerk viele Aspekte, die für junge Menschen bei der Berufswahl wichtig sind: Teamorientierung, oft familiäre Strukturen, ein modernes Umfeld, gute Verdienstmöglichkeiten, vielfältige Karrierewege und Zukunftssicherheit.“

Besonders beliebt sind im Kreis Lippe traditionell die Ausbildung zum/zur Anlagenmechaniker/in für SHK-Technik, zum/zur Elektroniker/in für Energie- und Gebäudetechnik und zum/zur Kraftfahrzeugmechatroniker/in. Über steigende Ausbildungszahlen in ihrer Branche freuen sich darüber hinaus die Bäcker, Friseure und Tischler.

Paderborn liegt hinter starkem Vorjahr

Trotz der bundesweit positiven Entwicklung, liegt die Zahl der neuabgeschlossenen Ausbildungsverträge im Kreis Paderborn um neun Prozent hinter einem starken Vorjahr. Während im August 2025 481 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge erfasst wurden, waren es 2026 438. Eine gewisse Schwankung in den Ausbildungszahlen ist jedoch normal: „Wir beobachten schon lange einen Drei-Jahres-Rhythmus. Denn nicht jeder Betrieb bildet in jedem Jahr aus. Insbesondere kleinere Betriebe beschäftigen häufig nur einen Auszubildenden alle drei Jahre“, weiß Buschkühl. Tatsächlich war 2023 im Kreis Paderborn ebenfalls ein Jahr mit weniger Neuverträgen.

Weniger Ausbildungsplätze in einigen Gewerken

Hinzu kommen in diesem Jahr zwei weitere Faktoren: Den erheblichsten Einfluss hat der Umstand, dass Kfz-Betriebe im Kreis Paderborn deutlich weniger Ausbildungsplätze angeboten haben als in den Vorjahren, obwohl das Interesse bei den jungen Leute gerade an diesem Beruf hoch ist. So wurden in der Kfz-Branche bis August 2026 lediglich 94 anstatt 130 Neuverträge geschlossen (Kraftfahrzeugmechatroniker und Automobil-Kaufleute). Hinzu kommt der diesjährige, fehlende Abiturjahrgang. „Wir haben im Handwerk zwar nicht ausschließlich Abiturienten, aber einige sind es eben doch. Wir sehen zunehmend, dass junge Menschen vom Gymnasium einen Weg ins Handwerk wählen. Darüber freuen wir uns natürlich sehr.“ Rechnet man diese Faktoren aus den Zahlen heraus, liegt man statistisch beim Vorjahr.

Gleichzeitig freut sich das Team über einige sehr positive Entwicklungen: So gibt es in diesem Jahr 19 neue Auszubildende bei den Maurern und Stahlbetonbauern – in 2025 waren es nur acht. Auch das Maler- und Lackiererhandwerk kann sich über fast 60 Prozent mehr Azubis freuen (33 statt 21).

Vielfalt im Handwerk ausprobieren

Dass es einerseits mehr Bewerber als Ausbildungsstellen und in anderen Bereichen unbesetzte Ausbildungsplätze gibt, beschäftigt Buschkühl: „Dies führen wir auf berufliche und auch regionale Passungsprobleme zurück“ – wie bei den Kfz-Mechatronikern, bei denen es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze gibt. Es ist wichtig, sich nicht zu früh auf ein spezielles Gewerk zu fokussieren, sondern im Zuge der Berufsorientierung die vielfältigen Möglichkeiten im Handwerk auszuprobieren: „Es gibt viele Handwerksberufe, die weniger bekannt sind, jedoch viel zu bieten haben“, so Buschkühl. Jungen Leuten rät er, sich vor der endgültigen Berufswahl auszuprobieren und verschiedene Optionen zu testen. Dabei steht auch die Kreishandwerkerschaft beratend zur Seite: „Unser Team der Ausbildungsoffensive engagiert sich seit über 15 Jahren dafür, junge Menschen durch eine intensive Berufsorientierung und individuelle Beratung auf ihrem Weg ins Handwerk zu begleiten. Dabei zeigen wir auch die Vielfalt der Möglichkeiten auf, um Passungsprobleme zu minimieren“, sagt Buschkühl. Dennoch lassen sich solche Schwankungen nicht komplett vermeiden.

„Wir möchten allen Betrieben Mut machen, die Kapazitäten in der Ausbildung hoch zu halten und die Fachkräfte von morgen engagiert auszubilden“, betont Buschkühl. Der Bedarf an Mitarbeitern ist groß. „Nur wer heute ausbildet, kann sich morgen über qualifizierte Fachkräfte freuen.“

 

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