Das Dachdeckerhandwerk in der Region steht vor einer paradoxen Herausforderung: Trotz voller Auftragsbücher sorgen zunehmende Lieferengpässe und extreme Preissteigerungen für eine angespannte Lage. Die Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe und die Dachdecker-Innung Paderborn wenden sich nun gemeinsam an die Öffentlichkeit, um über die Hintergründe aufzuklären.

Leere Lager und „Hamsterkäufe“ bei Baustoffhändlern

„Die Situation auf dem Baustoffmarkt hat sich seit Anfang April drastisch verschärft. Rohstoffknappheit und instabile Lieferketten – unter anderem bedingt durch die geopolitische Lage an Knotenpunkten wie der Straße von Hormus – haben die Preise für essenzielle Materialien im Dachdeckerhandwerk um bis zu 30 Prozent in die Höhe getrieben“, informiert Aloys Buschkühl, stv. Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe. Einer der Gründe seien auch hier die steigenden Rohölpreise, denn dieser Werkstoff ist in vielen Dämmmaterialien enthalten. „Diese Entwicklung war für unsere Betriebe zum Zeitpunkt der Abgabe von Angeboten an die Kunden vor wenigen Wochen noch nicht abzusehen“, so Buschkühl. Viele blieben jetzt auf erheblichen Mehrkosten sitzen oder müssten in Absprache mit dem Kunden Preise anpassen.

Gleichzeitig kann das benötigte Material nicht in ausreichender Menge nachproduziert werden. Die Rohstoffe sind nicht wie gewohnt verfügbar. „Die Lager der Händler sind leer, obwohl der Bedarf riesig ist“, erklärt Jürgen Stangenberg, Obermeister der Dachdecker-Innung Paderborn. „Was an Material reinkommt, wird sofort aufgekauft. Dieser Effekt ähnelt den Krisenjahren in der Corona-Pandemie, ist jedoch in seiner Intensität derzeit fast noch schlimmer. Wir erleben eine Art Hamsterkauf-Mentalität auf dem Markt, die das gesamte Gefüge durcheinanderbringt.“

Große Sorgen im „Sommerhandwerk“

Für die Betriebe ist die Lage herausfordernd. Während das Dachdeckerhandwerk traditionell ein Sommerberuf ist, droht nun ausgerechnet in der beginnenden Hochsaison ein Stillstand. Aufträge müssen verschoben werden, die gesamte Planung purzelt durcheinander, Kunden sind verärgert. Doch ohne die benötigten Materialien sind den Dachdeckern die Hände gebunden. Buschkühl bringt es auf den Punkt: „Die Situation bereitet vielen Betriebsinhabern schlaflose Nächte. Wir haben derzeit weder Preis- noch Liefersicherheit.“

Auswirkungen für die Kunden: Geduld und Flexibilität gefragt

Die aktuelle Marktlage zwingt die Dachdeckerbetriebe zu Maßnahmen, die für die Kunden spürbare Folgen haben: Fest zugesagte Termine müssen verstärkt verschoben werden, da Lieferverzögerungen den gesamten Bauzeitenplan aushebeln. Angebote können derzeit oft nur mit Tagespreisen oder einer extrem kurzen Bindefrist abgegeben werden, Preise sind aktuell nicht vorhersehbar. In Einzelfällen müssen Betriebe von Verträgen zurücktreten oder neue Aufträge vorerst ablehnen, um nicht in eine unkalkulierbare Kostenfalle zu tappen.

Appell an die Auftraggeber

„Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um die Projekte unserer Kunden verlässlich abzuarbeiten“, betont Stangenberg. „Doch ohne Material sind uns die Hände gebunden. Wir sind derzeit mehr denn je auf das Verständnis und die Geduld der Auftraggeber angewiesen. Es ist uns wichtig, die Kunden für diese Ausnahmesituation zu sensibilisieren.“

Eine Entspannung der Lage wird erst erwartet, wenn die globalen Handelswege wieder zuverlässig funktionieren. Bis dahin setzen Innung und Kreishandwerkerschaft auf einen engen, transparenten Dialog zwischen Handwerkern, Lieferanten und Bauherren.

 

Foto: www.amh-online.de