Zwischen Landesverteidigung und Lehrlingssuche: Fachkräfte-Kompass des Kreises Paderborn organisiert hochkarätige Podiumsdiskussion
Zwischen Landesverteidigung und Lehrlingssuche: Die veränderte sicherheitspolitische Lage stellt Deutschland und damit auch unsere Region vor neue Herausforderungen – auch mit Blick auf die mögliche Wiedereinführung des Wehrdienstes. Doch während die Debatte an Fahrt aufnimmt, wächst in der Wirtschaft schon jetzt der Druck durch den Fachkräftemangel. Wie lässt sich der Personalbedarf der Bundeswehr decken, ohne gleichzeitig zentrale zivile Bereiche wie Handwerk, Industrie oder Energieversorgung zu schwächen? Genau dieser Frage widmete sich eine hochkarätig besetzte Veranstaltung in der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe, die Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Militär zusammenbrachte, um Perspektiven auszutauschen und nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Das betonte auch Kreishandwerksmeister Mickel Biere in seiner Begrüßung.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein intensiver Austausch über die sicherheitspolitische Zeitenwende und ihre konkreten Auswirkungen auf Wirtschaft und Mittelstand. Journalist und Moderator Ralph Sina, ehemaliger WDR-Auslandskorrespondent, ordnete die aktuellen Entwicklungen international ein. Diese sei keine plötzliche, sondern habe sich über Jahre abgezeichnet. Zugleich machte er deutlich, dass Europa und insbesondere Deutschland stärker in die eigene Verantwortung gehen müssten. Trotz aller Herausforderungen gebe es Anlass zur Zuversicht: Deutschland bleibe ein zentraler Motor in Europa – vorausgesetzt, die wirtschaftliche Stärke werde gesichert.
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde schnell deutlich, dass Sicherheit und Wirtschaft untrennbar miteinander verbunden sind. Sebastian Hartmann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, unterstrich, dass Deutschland künftig eine stärkere Führungsrolle übernehmen müsse. Angesichts wachsender Bedrohungen – auch mit Blick auf die militärischen Fähigkeiten Russlands – sei eine klare Strategie notwendig. Dabei betonte er die Bedeutung eines gesamtgesellschaftlichen Engagements für die Verteidigungsfähigkeit.
Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), wies auf die besondere Rolle des Handwerks hin. Dieses stehe in einer Doppelverantwortung: Einerseits sei das Handwerk unverzichtbar für die Aufrechterhaltung kritischer Infrastruktur – von Energieversorgung und Baugewerken bis hin zur Lebensmittelproduktion. Andererseits verschärfe jede Form von Wehrdienst den ohnehin bestehenden Fachkräftemangel. Um diesen Balanceakt zu meistern, brauche es neue Brücken zwischen Bundeswehr und Wirtschaft. Denkbar seien etwa Modelle, die Qualifizierung und Berufsorientierung während eines Wehrdienstes ermöglichen.
Generalleutnant a.D. Alfons Mais plädierte vor allem für mehr Tempo und ein besseres Zusammenspiel der Akteure. In Zeiten des demografischen Wandels konkurrierten beide Bereiche zunehmend um die gleichen Fachkräfte – auch in wichtigen Bereichen wie IT oder Technik. Umso wichtiger sei es, Kooperationen neu zu denken und Synergien zu schaffen, beispielsweise indem qualifizierte Fachkräfte nach ihrer Wehrdienstzeit gezielt in Handwerk und Mittelstand zurückgeführt würden.
Einigkeit bestand auf dem Podium darüber, dass es ohne eine enge Verzahnung von militärischen und zivilen Strukturen nicht gehen werde. Neben klassischen Verteidigungsfragen rückten auch Themen wie gesellschaftlicher Zusammenhalt, Resilienz und die Stärkung regionaler Strukturen in den Fokus. Diskutiert wurden unter anderem Ansätze wie ein freiwilliges Gesellschaftsjahr mit starkem Bezug zum Handwerk sowie der Ausbau von Reservestrukturen auch in zivilen Bereichen. Dass die Diskussion nah an den Interessen des Publikums verlief, zeigten die eingehenden Fragen der Anwesenden.
Im Fazit wurde deutlich: Die Herausforderungen sind groß, doch ebenso groß ist die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Handwerk und Mittelstand sowie Politik und Bundeswehr sind aufeinander angewiesen, wenn es darum geht, Sicherheit und Wohlstand gleichermaßen zu wahren.
In seinem Schlusswort betonte Michael H. Lutter, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe: „Das regionale Handwerk steht zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung – das tuen wir auch heute schon in vielen Bereichen. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass die Bundeswehr auch die Potenziale wahrnimmt, die die aktuelle Situation für Handwerk und Mittelstand mit sich bringt. Denn Handwerk kann leisten – beispielsweise auch bei Aufträgen im Zusammenhang mit Instandsetzungsarbeiten von Liegenschaften und vielem mehr.“
Der Fachkräfte-Kompass im Kreis Paderborn
Veranstalter der Podiumsdiskussion war der Fachkräfte-Kompass im Kreis Paderborn – ein starkes Bündnis regionaler Akteure: dazu gehören der Arbeitgeberverband für die Gebiete Paderborn, Büren, Warburg und Höxter, die Bundesagentur für Arbeit Paderborn, die IHK Ostwestfalen zu Bielefeld mit ihrer Zweigstelle Paderborn und Höxter, das Jobcenter im Kreis Paderborn, der Kreis Paderborn selbst sowie die Kreishandwerkerschaft Paderborn‑Lippe.
Seit einigen Jahren engagieren sich die Organisationen gemeinsam dafür Unternehmen im Kreis Paderborn aktiv bei der Bewältigung des Fachkräftemangels zu unterstützen. Dazu bietet das Netzwerk konkrete Informationsangebote, Vernetzung und Beratung, aber auch hochkarätige, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen.
Bildunterschrift (v. links): Tauschten sich dazu aus, wie man die Interessen von Handwerk und Bundeswehr vereinen kann: Hauptgeschäftsführer Michael H. Lutter (Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe), Holger Schwannecke (Generalsekretär des ZDH), Alfons Mais (Generalleutnant a.D. der Deutschen Bundeswehr), Ralph Sina (ehem. WDR-Auslandskorrespondent), Sebastian Hartmann (Parlamentarischer Staatssekretär, Bundesministerium des Verteidigung) und Kreishandwerksmeister Mickel Biere.





